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RoysFlush - Roy von der Locht’s Blog

Wie oft lassen wir’s laufen?

Von roysflush, 26.08.2008, 4234 Aufrufe, 160 Kommentare | Kommentar hinzufügen

Ich stehe in der Schlange, um einen Platz an einem der 4 oeffentlich zugaenglichen Internet-Terminals zu ergattern. Draussen hat es 32 Grad, hier drinnen deutlich angenehmere 22. Dennoch wird mir beim Warten warm. Man muss hier an der Rezeption ein Ticket ziehen, auf dem ein Username und ein Passwort stehen. Diese Kombination oeffnet das Tor zur Welt. Fuer 30 Minuten. Dann faellt der Vorhang, gnadenlos, und ich erinnere mich an eine Peep-Show, die ich als Jugendlicher auf der Reeperbahn besucht hatte, nur das dort der Vorhang schon nach 2 Minuten viel.

30 Minuten sind eigentlich OK, um die wichtigsten Mails zu checken und ein bisschen auf IntelliPoker zu surfen. Zum Schreiben eines Blogeintrages kommt aber erschwerend hinzu, dass ich hier mit einer alten IBM-Tastatur zu kaempfen habe, die keine Umlaute kennt (halb so schlimm) aber ein altes(!) englisches Layout hat, dass aber nicht mit dem am Computer eingestellten Zeichensatz uebereinstimmt. Versucht da mal ein Passwort einzugeben, welches einen Haufen Sonderzeichen enthaelt. Ein Albtraum.

Aber wir lieben ja Herausforderungen, also werde ich mich in mehrere Sessions durch diesen Blog-Eintrag kaempfen, waehrend hinter mir schon die naechsten Anwaerter auf einen Terminalplatz mit den Hufen scharren. Genau hinter mir steht ein offensichtlich schwules Paearchen, die trotz der Warterei gut gelaunt sind. Auch hier scheinen sich Gegensaetze anzuziehen, der eine ist farbig und hat eine Glatze, der andere ist eher ein suedamerikanischer Typ mit langem Pferdeschwanz. (Klar kenn ich den: "Du hast ja einen Pferdeschwanz!"…"Jaaaa, und einen Zopf hab ich auch"…).

Aber kommen wir mal zum Thema Poker:

Neulich war es wieder soweit, unsere Trainingssession mit ein paar Freunden. Diesmal Omaha und Texas Holdem mixed, 6-handed. Tough, da eigentlich nur starke Spieler anwesend waren (selbst Flo ist gefaehrlich geworden, leider ;-), davon die meisten loose, und alle aggressiv.

Eine "Hausregel" besagt, dass alle Karten aufgedeckt werden, sobald nicht weiter gesetzt werden kann (meist in Folge eines oder mehrere All-ins) und noch mindestens eine Community-Card ausgeteilt werden muss. Im Zuge dessen hat unser analytischter Spieler irgendwann angefangen, nach dem erzwungenen Showdown die Frage zu stellen: Wie oft wollen wir es laufen lassen?

Viele werden fragen: Hae? Was soll das denn heissen?

Dem ein oder anderen ist dieses mehrfach den River oder auch Turn + River laufen lassen vielleicht noch von Fernsehuebertragungen wie HighStakesPoker bekannt, in der Regel kommt der "normale" Spieler damit aber selten in Beruehrung.

Zunaechst mal die generellen Voraussetzungen:

  • Da das mehrmals den Flop und/oder Turn und/oder River Geben Zeit beansprucht, sollte zunaechst mal geklaert werden, ob das ueberhaupt im Casino/ in der privaten Runde erlaubt ist. Bei hohen Partien im Casino bestimmen das die Spieler in der Regel selbst, genauso natuerlich in der Homegame-Runde. In normalen Runden im Casino gibt es dafuer aber Regeln, es ist also erlaubt, oder eben nicht. Das gilt es also zunaechst zu klaeren.
  • Es muss noch mindestens eine Gemeinschaftskarte gegeben werden. Sind bereits alle Karten ausgeteilt und es wird aufgedeckt, steht der Sieger fest und es macht keinen Sinn mehr, den River noch mal zu geben.

In der Regel betrifft das Mehrfach-Geben alle Gemeinschaftskarten, die noch nicht gedealt wurden, nachdem die Spieler ihre Karten aufgedeckt haben. Ist also z.B. ein Spieler nach dem Flop all-in und wird von einem Spieler gecallt, werden (in unserem Fall) die Karten aufgedeckt und es kann sowohl der Turn als auch der River mehrmals gegeben werden.

  • Beispiel:

Spieler A raist vor dem Flop und wird von Spieler B gecallt. Der Flop kommt . Der Raiser pusht all-in fuer das 1 1/2 fache des Potts und Spieler B callt.

Spieler A zeigt , hat also Top Paar mit Flushdraw getroffen, sein Gegner zeigt fuer Top Set.

Nun koennen die Spieler diskutieren, ob sie Turn und River mehrfach geben wollen. Nehmen wir einfach mal an, sie einigen sich auf 3 mal. Der Dealer gibt Turn und River das erste mal, der Turn ist die und der River das . Spieler A hat diesen Lauf gewonnen. Der Dealer legt die beiden gegebenen Karten sichtbar zur Seite und gibt erneut Turn und River. Turn kommt , River . Spieler B gewinnt diesen Durchlauf mit seinem Top Set. Nun kommt der dritte und letzte Lauf: Turn kommt , River der . Erneut gewinnt Spieler B mit einem Fullhouse Jacks over eights.

Insgesamt gewinnt nun Spieler B 2/3 des Potts, Spieler A nur 1/3 des Potts. Man teilt also den Pott durch die Anzahl vereinbarter Laeufe und jeder Spieler erhaelt einen Anteil pro gewonnenem Lauf.

Was bringt das?

Es geht einfach darum, die unvermeidlichen Swings beim Poker zu reduzieren. Gerade bei der im Fernsehen uebertragenen High-Stakes-Runde geht es um eine Menge Geld und keiner der Spieler moechte ein Vermoegen durch einen Bad Beat verlieren, gerade wenn er beim Aufdecken der Karten sieht, dass er haushoher Favorit auf den Pot ist.

In unserem Beispiel war Spieler B nach dem Flop mit knapp 70% Favorit. Dadurch, dass er Turn und River 3 mal dealen laesst, erhoeht er die Wahrscheinlichkeit, dass er entsprechend seiner Gewinnwahrscheinlichkeit ausgezahlt wird.

Warum dann nicht gleich vereinbaren, den Pott anhand der aktuellen Wahrscheinlichkeiten aufzuteilen?

Na ja, zunaechst hat man nicht alle Wahrscheinlichkeiten im Kopf und wenn man nun auch noch einen Chancenrechner am Tisch braeuchte, wuerde der Spielfluss weiter verzoegert, was dann irgendwann nicht mehr praktikabel waere.

Zum Zweiten ist der Underdog auch in der Regel nicht bereit, sein Schicksal "kampflos" hinzunehmen.

Wer gewinnt dadurch, wer verliert?

Schaun wir uns mal an, wer von so einem Vorgehen eigentlich profitiert. Nehmen wir an, wir wuerden im oben angegebenen Beispiel Turn und River je zwei mal geben. Dann wuerden sich folgende Wahrscheinlichkeiten ergeben:

Spieler A hat eine Wahrscheinlichkeit von 30%, den Pott zu gewinnen. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass der Pott 100 Euro enthaelt. Dann waere der EV fuer Spieler A bei einem Showdown 30,- Euro.

Lassen wir aber in dieser Situation Turn und River zweimal geben, dann aendert sich der erwartete Ausgang folgendermassen:

Die Wahrscheinlichkeit, dass Spieler A zweimal gewinnt (und damit 100% des Potts erhaelt) sinkt deutlich und betraegt nur noch 30% * 30% = 9%.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er einmal gewinnt und damit den Pott teilt ist die verbleibende Wahrscheinlichkeit - der Wahrscheinlichkeit, dass Spieler B zweimal hintereinander gewinnt, und damit 91% - 70%*70% = 91% - 49% = 42%.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Spieler A keinen der beiden Laeufe gewinnt, liegt wie gesagt bei 49%. Damit steigert Spieler A die Moeglichkeit, mindestens die Haelfte des Potts zu gewinnen, auf 51%.

In EV ausgedrueckt bedeutet das: 9%*100,-Euro + 42%*50,-Euro = 9,- Euro + 21,- Euro = 30,- Euro. Also keine Veraenderung gegenueber der urspruenglichen 30%.

Und wie sieht es beim Favorit aus? Er reduziert die Wahrscheinlichkeit fuer einen Totalverlust (Bad Beat) auf 9%, teilt den Pott in 42% der Faelle und gewinnt den gesamten Pott in 49% der Faelle. Das bedeutet ein Gesamt EV von 42%*50,- Euro + 49%*100,- Euro = 21,- + 49,- = 70,- Euro. Also auch hier am Ende keine Veraenderung des EV, aber dafuer eine Reduzierung des Totalverlustes auf 9%. Nicht schlecht!!

Was ist, wenn man es noch haeufiger laufen laesst?

Schaun wir uns einfach an, was bei z.B. 4 mal passieren wuerde:

Spieler A gewinnt alle 4 Laeufe in 30%*30%*30%*30% der Versuche, also insgesamt in 0,81% (Ich hoffe, das stimmt, habe hier naemlich keinen Taschenrechner…). Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Bad Beats auf unter 1%. Der Pott wird geteilt in 92% - 70%*70%*70%*70% der Faelle = 92% - 24% = 68%. Allerdings nicht immer im Verhaeltnis von 50/50.

OK, koennte ich jetzt auch noch ausrechnen, aber es sollte klar sein, dass sich speziell mit Erhoehung der Versuche die tatsaechlich urspruengliche Wahrscheinlichkeit immer mehr festigen wuerde.

  • Fazit 1 also:

Fuer den Favoriten definitiv ein Mittel, seine Swings abzuflachen und die Wahrscheinlichkeit fuer Bad Beats deutlich zu reduzieren.

Beim Underdog sieht es etwas anders aus. Ist er "im Brand", hat also in der laufenden Session verloren, dann kommt es stark darauf an, ob er moeglichst wieder ins Plus oder aber nicht noch mehr verlieren moechte. Im ersten Fall sollte er auf einen Deal verzichten, denn er braucht den Suckout, um sich wieder zu sanieren. Dies kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn er gerade ein Shot-Taking betreibt und so schnell auf diesem Level nicht mehr spielen wird. Dann sollte er hoffen, dass seine 30% Chance gerade in diesem Moment zuschlaegt. Will er allerdings seine Verluste deckeln und nicht seinen gesamten verbleibenden Stack riskieren, sollte er sich auf einen Deal einlassen, der ihm im Schnitt seine 30% am Pott sichert, was allerdings auch seinen Netto-Verlust von 20,- Euro in unserem Beispiel manifestieren wuerde. Denn ist der Pott 100,- Euro, dann kommen ja 50,- Euro von jedem Spieler. Erhaelt der Underdog also mit einer hoeheren Wahrscheinlichkeit seine ihm auf Grund der Wahrscheinlichkeiten zustehenden 30% sicherer zurueck, verhindert er ein totales Desaster, verliert aber ziemlich sicher 20,- der 50,- von ihm erbrachten Euro.

Hier kann sich jeder mal seine eigenen Gedanken machen, ob und in welchen individuellen Situationen ein Deal Sinn machen koennte oder nicht. Auf Dauer aendert sich allerdings nichts, sollte man auf demselben Niveau/Limit weiterspielen.

Das wars dann mal wieder fuer heute, bis zum naechsten mal…


Hinweis: Die Intellipoker-Redaktion ist für den Inhalt der Blogeinträge nicht verantwortlich. Diese geben ausschliesslich die Meinungen und Auffassungen der jeweiligen Blog-Autoren wieder.

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